Wie interessiert bist du noch an Superheldenfilmen? Hast du den letzten Marvel-Film im Kino gesehen? Oder die Filme von James Gunn zur Wiederbelebung des DCU? Hast du sie vielleicht nur zu Hause gesehen? Oder hast du sie ausgelassen? Vielleicht hast du auch überhaupt keine Ahnung mehr was bei Marvel und DC so los ist?
Wenn du viele der Fragen mit „nö oder eher nö“ beantwortet hast oder Superheldenfilme mittlerweile einfach auslässt, betrifft dich wahrscheinlich auch die so genannte „Superheldenfatigue“.
Was ist „Superheldenfatigue“? Der Begriff beschreibt die Superheldenmüdigkeit, die viele mittlerweile ergriffen hat. Besonders relevant natürlich für diejenigen, die zumindest zwischendurch Feuer und Flamme für Superhelden, vor allem auf der großen Leinwand, waren. Denn wer noch nie wirklich viel mit Superhelden anfangen konnte, den betrifft diese Fatigue ja nicht.
Meine These ist ja – ich streite nicht ab, dass es dieses Phänomen gibt – aber das der Begriff eigentlich nicht wirklich passend ist. Warum? Das werde ich im Folgenden erklären, genauso wie die Gründe für die Superheldenfatigue.
Für das bessere Verstehen dieser „Problematik“ ist wieder eine Zeitreise in die Vergangenheit sinnvoll. Reisen wir zunächst an das Ende der 1930er Jahre in das Jahr 1938 in den USA.
Hallo Superman und Batman!
1938 ist quasi das Geburtsjahr der „modernen“ Superhelden, denn in diesem Jahr wurde Superman als Bestandteil der Action Comics (erschienen im Verlag: National Allied Publications, später DC) „geboren“. Damals war er so beliebt, weil er Bedürfnisse vieler Amerikaner aufgriff: Superman entstand während der Weltwirtschaftskrise und legte sich quasi stellvertretend für den „normalen Bürger“ mit korrupten Obrigkeiten an. Er war zudem eine fiktionale Antwort auf die wachsende Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Seine Schöpfer Comicautor Jerry Siegel und Comiczeichner Joe Shuster waren beide Söhne jüdischer Einwanderer. Sie erschufen Superman eigentlich schon 1933, doch kein Verlag wollte seine Geschichten drucken. Selbst in den Action Comics war er zunächst Lückenfüller, um das Heft voll zu kriegen. Doch der Erfolg des Verkaufs etablierte Superman als Hauptserie fest in der Comicreihe. Als Gegenstück zu Superman erschienen ab 1939 dann die Geschichten von Batman in den Detective Comics. Mit ihren Superhelden dominierte National Allied Publications zunächst den Markt für Superheldencomics.
Im selben Jahr wollte Timely Publications (später Marvel) an die Erfolge von National Allied Publications anschließen und veröffentlichte die Comicreihe Marvel Mistery Comics, die den Fokus auf den heldenhaften Androiden Human Torch legte.
Wir springen in unserer Zeitreise in die 1940er Jahre, die Zeit des Goldenen Zeitalters der Superheldencomics (bis 1956).

Das Goldene Zeitalter der Superheldencomics
1940 kam National Allied Publications auf die Idee Superhelden auch zusammen als Team auftreten zu lassen und erschuf die Justice Society of America (JSA), die ihren ersten Auftritt in den All Star Comics hatten. Immer wieder neue Superhelden wurden innerhalb dieser Comicreihe auf ihre Massentauglichkeit überprüft, bevor man ihnen, wie Superman und Batman, dann auch eigene Comicreihen gab.
Nachdem sich Timely Publications in Timely Comics umbenannt und zunächst einige Flops hingelegt hatte, denn zunächst konnte keiner ihrer Superhelden mit Superman und Batman mithalten, gelang ihnen gleicher Erfolg erst 1941 mit Captain America, der es zu Beginn vor allem mit Nazis aufnehmen musste. Auf dem Cover seines ersten Comics ließ man ihn Adolf Hitler sogar direkt ins Gesicht schlagen. Auch seine Schöpfer Comicautor Joe Simon und Comiczeichner Jack Kirby waren Kinder jüdischer Einwanderer. Sie nutzten Captain America bewusst als politisches Statement gegen den Nationalsozialismus und trafen damals mit ihren Comics in besonderem Maße den patriotischen Zeitgeist in den USA.
Während des Zweiten Weltkriegs lasen 70 Mio. Amerikaner Comics (vor allem Superheldencomics); das war die Hälfte der Bevölkerung. 30 % davon wurden an die Soldaten, die in Europa stationiert waren, direkt an die Front geliefert. Anfang der 40er Jahre lasen außerdem schon 90 % der amerikanischen Jugendlichen Comics.
Wir setzten unsere Zeitreise in den 1960er Jahren fort, die Zeit des Silbernen Zeitalters der Superheldencomics (bis 1973).

Das Silberne Zeitalter des Superheldencomics
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ das Interesse an Superhelden in den 1950er Jahren zunächst nach, das änderte sich aber wieder in den 1960er Jahren. National Allied Publications gelang mit der Gründung der Justice League of America der bis dahin größte Erfolg des Verlags mit dem sie in den 1960er Jahren zunächst zum marktdominierenden Comicverlag wurden. In diesem Superheldenteam würfelten sie zunächst Superman, Batman, Green Lantern, Wonder Woman, The Flash, Aquaman und den Martian Hunter zusammen. Über die Jahre wechselten die Mitglieder aber immer wieder.
Nachdem Timley Comics sich zwischendurch in Atlas Comics umbenannt hatte, gab sich der Verlag 1961 den Namen unter dem er noch heute bekannt ist: Marvel. Da der Verlag mit dem Erfolg der Konkurrenz mithalten wollte, schufen Editor und Autor Stan Lee zusammen mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko ihr eigens Superheldenteam: die Fantastic Four. Der sich anschließende Erfolg führte zu einem weiteren Ausbau des Marvel Universums und der Schaffung vieler neuer Superhelden: im Jahr 1962 z. B. Hulk und Spider-Man. Letzterer wurde seit Superman zum erfolgreichsten Superhelden. Marvel setzte bewusst auf nahbare Superhelden mit Charakterentwicklungen und Konflikten mit denen sich die Leser identifizieren konnten. 1963 wurden Iron Man und Doctor Strange geschaffen und mit den X-Men sowie den Avengers gleich zwei neue Superheldenteams der Öffentlichkeit vorgestellt. Letzteres bestand zunächst aus Iron Man, Thor, Ant-Man, the Wasp und Hulk. Doch auch die Mitglieder dieses Teams wechselten über die Jahre immer wieder. Im Jahr 1964 folgten als neu eingeführte Superhelden z. B. noch Hawkeye, Black Widow, Scarlet Witch und Daredevil. Mit diesen ganzen Neuerungen löste Marvel bis zum Ende des Jahrzehnts National Allied Publications als marktdominierenden Comicverlag ab.
Wir machen wieder einen Sprung in unserer Zeitreise in die 1980er Jahre, die Zeit des Bronzenen Zeitalters der Superheldencomics bzw. dem Dark Age (bis Beginn der 1990er Jahre).

Die Zeit des Bronzenen Zeitalters der Superheldencomics bzw. das Dark Age
Nachdem National Allied Publications in den 1970er Jahren Crossover-Geschichten veröffentlichte die sich durch verschiedene Reihen zogen, nannte sich der Verlag 1977 in DC Comics, Inc. (kurz DC) um.
Nach dem Erfolg, den DC mit Crossover-Reihen erreichte, führte Marvel in den 1980er Jahren ebenfalls Crossover-Events ein mit denen der Verlag dann sogar erfolgreicher wurde als seine Konkurrenz. Für die besseren Verkaufszahlen sorgte aber auch die Einführung von Antihelden wie Punisher, Ghostrider, Wolverine und Frank Millers Neuinterpretation von Daredevil.
Da sich DC mit seinen Crossover-Geschichten mit der Zeit etwas verzettelt hatte, schuf der Verlag Mitte der 1980er Jahre die Comicreihe „Crisis on Infinite Earths“, in dem ein konstantes Universum ohne parallele Welten erschaffen wurde. In den einzelnen Comicreihen wurden dann auch die Entstehungsgeschichten der verschiedenen Superhelden neu erzählt. Besonders erfolgreich waren außerdem die eher düsteren Comics wie z. B. Frank Millers Comicreihe „The Dark Knight Returns“ und die Comicreihe „Watchmen“.
Wir springen in unserer Zeitreise wieder weiter in die 2000er Jahre als die Superhelden den Sprung aus den Comics auf die große Leinwand schafften.
Das Moderne Zeitalter der Superheldencomics durch den Sprung auf die Leinwand
In den 2000er Jahren schaffen es die Superheldencomics dann auch erfolgreich auf die große Leinwand: Marvel startete die X-Men Filmreihe (ab 2000) sowie auch die Spider-Man Trilogie (ab 2002) und bei DC läutete „Batman Begins“ die Nolan Batman Trilogie ein. 2008 wird dann mit dem Film „Iron Man“ das Marvel Cinematic Universe (MCU) geboren.
Superheldenfilme waren vor allem deswegen so beliebt, weil sie, obwohl sie oft Bezug auf das aktuelle Weltgeschehen nahmen, auch dem Eskapismus dienten.
Als nächstes springen wir in die 2010er Jahre, da sich hier Franchises etablierten.

Die Franchise Ära
Das MCU hatte 2012 seinen ersten Höhepunkt mit dem Film „Marvel’s The Avengers„, in dem Marvel zum ersten Mal mehrere Superhelden auf der großen Leinwand in Form der Avengers zusammenführte.
Im selben Jahr wird mit der Serie „Arrow“ das Arrowverse von DC geboren, es folgten die Serien „The Flash“ und Constantine (2014), „Supergirl“ (2015), Legends of Tomorrow (2016), Black Lightning (2018) und „Batwoman“ (2019). Da sich DC auch auf der großen Leinwand ähnlichen Erfolg wie den von Marvel erhoffte, wird 2013 mit dem Film „Man of Steel“ das DC Extended Universe (DCEU) geboren. Wie wir heute wissen, ging dieser Plan jedoch nicht so richtig auf.
Den größten Erfolg hatte das MCU an den Kinokassen mit den Filmen „Avengers: Infinity War“ (2018) und „Avengers: Endgame“ (2019), welche die Infinity-Saga abschlossen.
Und damit sind wir im heute, den 2020er Jahren zurück. Und wie sieht es aktuell so aus?
Die Superhelden-Fatigue
Sowohl DC als auch Marvel dümpeln mit ihren Superheldenfilmen aktuell eher so rum.
DC
Die Filme des DCEU waren meistens nicht so erfolgreich wie die Filme des MCU. Am besten kamen noch die Filme Batman v Superman: Dawn of Justice, Suicide Squad, Wonder Woman und Aquaman an. Nachdem das DCEU 2023 quasi eingestampft wurde, startete James Gunn 2025 das neue DCU mit seinem Superman Film. Wir dürfen gespannt bleiben, ob ihm die erfolgreiche Etablierung des neuen DCU gelingt.
Marvel
Marvel konnte seit den 2000er Jahren nur noch selten an den Erfolg von „Avengers: Endgame“ anschließen. Erfolgreich waren danach noch folgende Filme: Spider-Man: No Way Home, Doctor Strange in the Multiverse of Madness, Guardians of the Galaxy Vol. 3 sowie Deadpool & Wolverine. Alle Filme des MCU aus dem Jahr 2025 waren dann eher nicht mehr so richtig erfolgreich an den Kinokassen.
Was sind nun die Gründe für diese Superheldenfatigue?
Gründe für die Superheldenfatigue
Das Angebot an Superheldencontent ist mittlerweile einfach zu groß. Neben mehreren Superheldenfilmen im Jahr auf der großen Leinwand, kommen noch unzählige Superheldenserien dazu. Der Markt und damit auch das Publikum scheint zunehmend übersättigt. Die große Masse führt außerdem zu immer mehr Zeitdruck unter dem die Produktionen leiden, besonders die CGI-Effekte wirken oft nicht mehr so überzeugend. Neben der Qualität leidet damit auch das Gefühl der Immersion.
Nicht nur das Angebot ist zu groß, sondern die einzelnen Franchises sind oft schon viel zu Komplex. Die einzelnen Filme und Serien beziehen sich so sehr aufeinander, dass man für ein wirklich gutes Verständnis der Zusammenhänge eigentlich möglichst alles gesehen haben muss. Die Erschaffung der Multiversen verstärkte diesen Effekt noch. Diese rauben zudem häufig die Konsequenz vieler Handlungsstränge und damit die Spannung, da tote Charaktere oft doch wieder auftauchen.
Die Komplexität der Multiversen führt auch dazu, dass sich innerhalb der Erzählungen immer häufiger verzettelt wird. Die Infinity-Saga des MCU folgte in Gänze einem roten Faden und die einzelnen Handlungsstränge wurden von den Russo-Brüdern elegant zu einem großen Finale zusammengeknüpft. Nach „Avengers: Endgame“ fehlt dieser rote Faden bzw. die eine große Geschichte, die durch die einzelnen Produktionen erzählt wird. Man könnte sagen das Publikum ist zunehmend lost, verloren in einem Wirrwarr aus Filmen, die nicht ausgereift wirken.
Die einzelnen Filme wirken immer öfter formelhaft: Superheldenfilme sind manchmal nicht mehr nur humorvoll, sondern schon albern, wenn auf fast jede ernstere Szene ein Joke folgt. Die Bösewichte sind häufig eine Art Spiegel des Superhelden, teilweise mit fast identischen Kräften. Das Finale ist meistens eine große CGI-Schlacht in einer Großstadt.
All das führt dazu, dass die emotionale Bindung der Zuschauer zu den Charakteren und den Geschichten stark nachlässt. Man hat oft das Gefühl, dass die Produktionen hauptsächlich noch als Teaser für die weiteren Projekte dienen, die demnächst erscheinen sollen. Die Qualität leidet damit sehr unter der Quantität.
So sehr ich diese Beobachtungen teile und dieses Phänomen oft genug selbst erlebe, empfinde ich dennoch den Begriff „Superheldenfatigue“ als nicht wirklich passend.
Warum der Begriff „Superheldenfatigue“ nicht passend ist
Das mit der Müdigkeit stimmt, allerdings sind dabei die Superhelden eigentlich nicht das Problem. Immerhin kam „The Batman“ von DC sehr gut beim Publikum an und Spider-Man: No Way Home, Doctor Strange in the Multiverse of Madness, Guardians of the Galaxy Vol. 3 sowie Deadpool & Wolverine aus dem MCU stießen auch auf große Begeisterung.
Warum konnten gerade diese Filme wieder so viele Menschen begeistern?
Die Filme Spider-Man: No Way Home und Deadpool & Wolverine haben z. B. stark mit dem Nostalgiefaktor gearbeitet. Etwas negativer wird das, was in diesen Filmen gemacht wurde, auch als Fanservice beschrieben. Die Filmemacher bezogen sich auf viele ältere beliebte Projekte wie die Spider-Man-Trilogie oder die X-Men-Filmreihe und ließen dank des Multiversums Charaktere aus diesen Projekten in den Filmen auftreten. Das führte beim Publikum zu vielen Aha-Effekten bis hin zu Begeisterungsapplaus im Kino. Das zeigt das die Zuschauer sich durchaus noch für Superhelden begeistern können. Es zeigt aber auch, dass das besonders gut mit Charakteren funktioniert zu denen das Publikum in der Vergangenheit bereits eine emotionale Verbindung aufgebaut hat.
„The Batman“, Doctor Strange in the Multiverse of Madness und Guardians of the Galaxy Vol. 3 haben die Zuschauer besonders aufgrund ihrer jeweiligen Besonderheiten begeistert. Diese waren immer eng verknüpft mit den jeweiligen Regisseuren, die es geschafft haben den oft recht starr wirkenden Rahmen innerhalb der Superheldenfilme häufig funktionieren sollen, so zu dehnen, dass sie auch ihre eigene Handschrift unterbringen konnten.
James Gunn konnte mit Guardians of the Galaxy Vol. 3 seine eigene Trilogie rund zu Ende bringen. Ihm gelang es immer eine gute Balance zwischen dem Marvel-Humor und dem nötigen Ernst seiner Geschichten zu finden. Emotionale Momente haben in seinen drei Filmen immer etwas bedeutet und das Publikum berührt. Das lag auch daran, dass James Gunn sehr gut daran ist Charaktere so zu inszenieren, dass sie nahbar sind und viel Raum für Identifikation bieten. Oder hättet ihr gedacht, dass ihr mal so sehr mit einem „Waschbären“ oder auch einem „Baum“ mitleiden würdet?
Sam Raimi der eher für düstere Filme bekannt ist, hat diese Düsternis auch in Doctor Strange in the Multiverse of Madness übernehmen können und ihm so, obwohl ein Marvel-Film, seine eigene Handschrift verpasst. Die Zuschauer wurden mit einem eher ernsteren Film, der sich auch visuell sehr von anderen Marvel-Filmen unterschied, überrascht.
Matt Reeves machte aus „The Batman“ einen Film, der eher an einen Film Noir oder Thriller als an einen Superheldenfilm erinnert. Batman ist hier mehr Detektiv als Superheld und zudem liegt der Fokus auf seiner verletzlichen Seite. Auch optisch ist der Film eher düster, es ist hauptsächlich Nacht und es regnet und selbst die Innenräume sind in dunklen Farben gehalten. Der Film wirkte insgesamt für einen Superheldenfilm überraschend bodenständig.
Gerade die drei zuletzt genannten Filme unterscheiden sich deutlich von den typischen Superheldenfilmen und waren genau deswegen so beliebt.
Zusammengefasst: Die Probleme sind Vielfältig, haben aber eigentlich nicht per se mit der Superheldenthematik an sich zu tun, sondern eher damit, dass sich das Publikum wieder nach besser durchdachten Geschichten sowie Charakteren sehnt mit denen sie emotional bonden und sich im besten Falls sogar identifizieren können. Der Zuschauer möchte wieder mehr Bedeutung in seinen Filmen. Auch optisch will das Publikum wieder mehr überrascht werden und sucht nach mehr Kontrast und abwechslungsreichen Stimmungen. Quasi der Ruf nach wieder mehr Originalität anstatt Einheitsbrei. Dazu müssen sich Filmemacher bzw. eigentlich vor allem die großen Studios aber wieder mehr trauen.
Superhelden sind also gar nicht das Problem, sondern eher die Art und Weise, wie sie präsentiert werden.